Infobrief Mai 2020

Infobrief GGE-Nord Mai 2020

Wo ist die evangelische Freiheit geblieben?

Liebe Freunde der GGE Nord,

eines hat mich in dieser Zeit sowohl vor und nach Ostern, als auch zum Thema Corona sehr erstaunt, wie wenig „Hirtenworte“ und „Worte zur Zeit“ aus der Kirche und theologischen Fakultäten zu hören waren.

Leider konnte ich mich auch nicht äußern. Insgesamt 4 Wochen war ich erst durch eine Quarantäne und dann durch eine eigene Corona-Erkrankung „lahm gelegt“. So dann war ich hinund hergerissen, wie man auf die sich ergebenen Fragen richtig reagiert. Aus Finnland hörte ich, dass die GGE dort überregional einlädt, einen „Zoom-Raum“ zum gemeinsamen Gebet zu nutzen. Das geschieht immer noch mittags von Montag bis Freitag. Ein „Hören“ auf den Heiligen Geist hatte zu der Initiative geführt. Ob wir das bei der nächsten „Welle“ auch einmal machen?

Dankbar können wir sein, dass wir an, in und durch Krisen lernen können. Im Mittelteil unseres Info-Briefes findet Ihr weitere Beispiele für ein gutes Annehmen, Aufnehmen und Weitergehen in der Krise. Es sind Beispiele, die nicht nur in der Krise hilfreich sind, sondern immer wieder auch Impulse setzen können in der täglichen Gemeindearbeit der „Nach-Corona-Zeit“.

Im Folgenden möchte ich drei Beobachtungen mit Euch teilen und zur Diskussion stellen.
Dabei möchte ich keine Vorwürfe machen oder den Eindruck erwecken, es besser zu wissen, sondern uns daran erinnern, dass „gepredigt wird in seinem Namen Buße zur Vergebung der Sünden“ (Lukas 24:47). Ziel sollte es für uns alle sein, ob Christ, Gemeinde oder Werk, uns zukünftig so „proaktiv“ aufzustellen, dass wir nicht wieder wie die Beute in der Krise „reaktiv“ erstarren. Vorher sollten wir aber mit unseren Mitarbeitern und Verantwortlichen Rückschau halten und gegebenenfalls Buße tun. Ich glaube, wir haben nicht alle Alternativen und Möglichkeiten bedacht, als es um die Aufrechterhaltung des Gemeindelebens im Angesicht einer Pandemie ging und sind an unseren Glaubensgeschwistern schuldig geworden. Möglichkeiten gibt es immer. Erinnert sei an die Pestluke zum Abendmahl, die noch heute an vielen Kirchen zu finden ist. Hier jetzt meine Beobachtungen:

1. Die evangelische Freiheit bewahrte uns nicht vor der Angst. Es kann ein Zufall sein, dass das Corona-Virus sich weltweit zu Ostern die größte Aufmerksamkeit erwirkte, aber das auch Christen sich übervorsichtig und ängstlich zeigten, hatte etwas mit verpasster Aufklärung und schlechter Theologie zu tun. Zum Glauben gehören doch Tod und Auferstehung sowie die Nachfolge, die sich „an-das-Kreuz-tragen“ bindet. Gehört zur Selbstliebe nicht auch eine gesunde Glaubens-Resilienz, die mich nüchtern macht, auch Angesichts des Todes und der Möglichkeit zu sterben? Warum soviel Angst?

2. Die evangelische Freiheit hielt uns nicht ab, lieblos Alte und Kinder in Distanz zu halten. Sicherlich kann man argumentieren, dass der Schutz vor Ansteckung Nächstenliebe ist. Aber ist es vernünftig, Alte allein zu lassen, allein sterben zu lassen und Kinder vom gemeinsamen Spiel zu verbannen? Gab es wirklich keine andere Möglichkeit? Wo waren die Gespräche, Diskussionen und Alternativen, um für eine christliche Form von Nächstenliebe in Corona-Zeiten zu ringen?

3. Die evangelische Freiheit führte uns nicht in den Widerstand, als man uns die Mitte unserer Glaubenspraxis nahm. Der Gottesdienst ist die Mitte der Gemeinde. Hier kommen wir zusammen, um gemeinsam Gott zu ehren, zu loben und zu preisen. Ich kann mich an keine Zeit erinnern, in der die christliche Gemeinde den Gottesdienst zu feiern verboten bekam und sich daran hielt. Ist es nicht ein Akt der Gottesliebe, wenn wir, wie in den Psalmen besungen, zum Haus Gottes gehen? Natürlich kann man das auch anders tun. Aber ist dort nicht zuerst der Ort für Abendmahl, Lobpreis und Gemeinschaft. Wie konnten wir ohne nach Alternativen zu suchen, riesige Kirchen einfach schließen und „Pause“ machen?

Nach Luther ist ein Christ (s. „De libertate christiana“) zum einen ein freier Mensch über alle Dinge und niemand untertan (Römer 13:8) und zum anderen ein dienstbarer Mensch aller Dinge und jedermann untertan (Galater 4:4). Ich bin der Meinung, das fordert uns als Christ, als Gemeinde und als Kirche heraus, uns nicht bestimmen zu lassen, sondern selbstverantwortlich zu handeln. Das ist evangelische Freiheit! Im Klaren bin ich mir, dass das Thema eigentlich durch ist, aber was lernen wir aus den vergangenen Wochen?

Meiner Meinung nach:
Kirche wach auf und nimm Deinen Glauben ernst.

Euer Jochen Weise, Hamburg

Zum ganzen Newsletter:
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